Ich stehe an der Haltestelle der Straßenbahn.
Meine Schule, die den Amoklauf erlebt hat, ist in ein anderes Gebäude umgezogen, weil das alte Gebäude ein Tatort war und saniert werden musste. 750 Schüler komplett und zusammen woanders unterzubringen, war eine verwaltungstechnische Meisterleistung und die neue Schule war jetzt einige Straßenbahnhaltestellen von meinem Zuhause entfernt.
Ich wartete auf die Straßenbahn und versuchte einen weiteren anstrengenden Schultag zu verarbeiten.
Auf einmal dieses Geräusch! Ich zuckte und drehte den Kopf hin und her.
Das Geräusch kam näher und näher.
Ich riss die Hände hoch und hielt mir die Ohren zu.
Das Geräusch wurde immer lauter, war fast da.
Ich drückte die Hände fester auf die Ohren und wollte nur, dass es aufhörte. Ich wollte nicht zurück an den Tag, der mein Leben veränderte – und doch stand ich wieder an meiner Schule, wo der Amoklauf gerade stattfand. Alles lief vor meinen inneren Auge ab. Ich wollte es nicht sehen und doch hörte es einfach nicht auf.
In diesem Moment raste der Krankenwagen an der Haltestelle vorbei und nahm sein Blaulicht und das Martinshorn mit sich.
Das Geräusch verklang, doch ich zitterte. Mir tat alles weh, weil ich mir so fest die Ohren zugehalten hatte. Ich schwitze. Ich war ein Wrack und wollte nur noch nach Hause.
Ich habe viele Jahre gebraucht, bis ich das Martinshorn von den Krankenwagen und von Polizei- und Feuerwehr wieder ertragen konnte. Es hat lange, lange gedauert, bis ich nicht mehr gleich an meine Schule stand, nur weil ein Krankenwagen an mir vorbei fuhr. Erst Jahre später wurde mir erklärt, dass mich das Geräusch jedes Mal getriggert hatte und mich an die Stunden meines Traumas zurückbrachte.
Mittlerweile weiß ich, dass mich Gerüche, Geräusche, Lichter, Menschen etc. etc. triggern können. Die Erfahrung und das Wissen darüber, die Übungen zur Selbsthilfe haben mir sehr dabei geholfen, mit den verschiedenen Triggerpunkten umzugehen und mir selbst zu helfen.
Autor: anonym

